Seminar „Leistungssport Schach“ auf der Sportschule in Ruit
(Dritte Version mit allen Links zu Materialien: Stand Januar 2004)
von Markus Keller
„Schach und Leistungssport“ – ein Thema, das aktuell in Baden-Württemberg groß angeschrieben ist. So kommen drei der 16 Bundesligavereine und drei der zwölf Frauenbundesligisten aus dem Ländle. Über ein Viertel der Bundeskaderspieler stammt von hier. Zeit ein Seminar zum Thema anzubieten.
Hanno Dürr, Präsident des Schachverbands Württemberg ließ es sich nicht nehmen und organisierte auf Initiative der GKL noch kurzfristig ein Führungsseminar „Leistungssport Schach“ auf der Sportschule in Nellingen-Ruit bei Stuttgart.
Mit Landestrainer Jaroslav Srokowski, dem Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler, dem Leistungssportreferenten des Landessportverbands Dietmar Günther, Ulrich Haag (Leistungssportreferent SVW), Markus Keller (Geschäftsführer GKL) und ihm selbst berichteten diejenigen in Vorträgen, deren Haupttätigkeit, sei es ehrenamtlich, nebenberuflich oder hauptamtlich, eben im Leistungssport liegt.
Die Teilnehmer, eine Mischung aus Stützpunktleitern, Trainern, Eltern von Kaderspielern und Verantwortlichen aus den Verbänden, darunter der BSV-Präsident Fritz Meyer, konnten in Diskussionen, Einwürfen und Gruppenarbeiten einen äußerst wertvollen Beitrag insbesondere hinsichtlich künftiger Projekte und Abläufe geben.
Leider konnten zwei der drei Bundesligavereine wegen paralleler Termine keine Vertreter zum Lehrgang entsenden. Ein intensives Gespräch der Vereine und der GKL soll im Frühjahr stattfinden. Bedauerlich war, dass die Jugendorganisationen der baden-württembergischen Schachverbände nicht dabei waren.
Nach einführenden Worten von Hanno Dürr ging Dietmar Günther auf die aktuelle Leistungssportkonzeption des LSV ein und besonders auf die Bedeutung von so genanntem Anschlusstraining, den Angeboten des Landesfachverbands für D/C- und C-Kaderspieler, für Quereinsteiger sowie auf die regionale Bündelung in Regionalspitzensportzentren und Hochburgen.
Die Bewertungskriterien der Sportarten, bei denen Schach aufgrund der schwankenden internationalen Erfolge nicht immer gut wegkommt, war ein weiterer Kern der Ausführungen.
Im Anschluss ging Markus Keller auf die Gewichtung der bisherigen Maßnahmearten ein sowie auf daraus resultierende Ergebnisse. Circa 54 Prozent der GKL-Mittel fließen in Kaderlehrgänge, circa 20 Prozent entfällt auf Talentstützpunkte und Talentsichtungen, während um die 15 Prozent auf Verwaltung entfällt. Die Ausgaben sollen von 2003 bis 2005 um jeweils 15 bis 20 Prozent steigen. Beachtet werden muss hierbei, dass die Schachverbände BSV und SVW einen Teil ihrer Leistungssportförderung umschichten, von Mitteln, die im Verband bleiben, auf Mittel, die jetzt die GKL verwaltet. Ein Schaubild zeigte Entwicklungslinien einiger Kaderspieler, die von verschiedener Seite unterschiedlich interpretiert wurden. Ein Überblick über die jeweiligen Punkte der LSV-Bewertung und historischer Erfolge von Baden-Württembergern rundete den Vortrag ab.
Der Vortrag als PowerPoint-Präsentation
Ulrich Haag beschäftigte sich mit dem Thema „Entwicklung von Spitzenspielern“ und der Rolle der GKL, des Spielers, seines Umfelds und deren Zusammenspiel. Kernaussage war, dass das individuelle Umfeld als sehr bedeutend eingeschätzt werden sollte. Insbesondere bedürfe jedes Talent, das wirklich den Weg zum Spitzenspieler machen kann/will, eines „Wegbegleiters“, der auch Trainerfunktionen wahrnehmen kann und soll, außerhalb der Familie. Dieser sollte den systematischen Trainingsaufbau kontrollieren. Anhand eines idealisierten Modelldurchlaufs für Schachtalente zeigte Ulrich Haag in verschiedenen Entwicklungsphasen Kriterien wie Alter, Gruppe/Kadermitgliedschaft, Trainerqualifikation, DWZ/ELO, Anzahl an Partien pro Jahr, dominierende Turnierveranstaltung und dominierende Trainingsinhalte. Sehr wichtig sind auch die psychologischen Faktoren während der Partien, Turniere und innerhalb des Wettkampfjahres. Diese würden meist zu wenig beachtet.
Der Vortrag als PowerPoint-Präsentation
Bernd Vökler zeigte auf, wie der Deutsche Schachbund (DSB) und die GKL / Verbände in Wechselwirkung treten. In den drei Bereichen „Bundeskaderanträge / -aufnahme“, „Freiplätze für deutsche Jugendmeisterschaften“ und „Beschickung von Europa-/ Weltmeisterschaft“ gibt es die meisten „Begehrlichkeiten“ der Landesverbände, was der Bundesnachwuchstrainer nicht negativ verstanden wissen wollte. Die Arbeit Baden-Württembergs im Leistungssport erachtet er als vorbildlich, was auch an der Zahl der Kaderathleten abzulesen sei. Mit Günther Beikert (ebenfalls Teilnehmer des Seminars), säße ein Vertreter Baden-Württembergs in der Kommission Leistungssport (KL) des DSB, wofür die KL dankbar sein könne. In punkto Kaderanträge wünscht sich FM Vökler eine Prioritätenliste, die die GKL zusagte. Vökler ging zum Schluss noch auf die Neuregelung der Beschickung der EM und WM ein und zeigte ein interessantes Modell, das den Spielstärkeverlauf von Welt- und deutscher Spitze in ihren Jugendjahren gegenüberstellt.
Am zweiten Tag, der ganz im Zeichen der Gruppenarbeiten stand, zeigte zunächst Landestrainer Jaroslav Srokowski die Voraussetzungen für Erfolg auf. Hierzu zählten neben Begabung und Motivation Eltern, finanzielle Ressourcen, ein schachliches Umfeld und der (jeweils) passende Trainer sowie richtige Zielsetzungen, lang- und kurzfristige.
Trainingsmaterialien sollten zum jeweils richtigen Zeitpunkt eingesetzt werden. So sei die Dworetzky-Reihe (mit Ausnahmen) erst ab einer ELO von 2.400 sinnvoll einsetzbar, für schwächere Spieler eher frustrierend. Die Stappen-Methode sei hingegen für Spieler unter DWZ 1.400 sehr gut geeignet. Sie solle circa die Hälfte des Trainings ausmachen, zusätzlich mit Eröffnungs- und Endspielstudien kombiniert werden. Für Spieler um die 1500, 1600 DWZ gebe es noch wenig veröffentlichtes Material. Dass Spieler auch höheren Alters – und deswegen gerade auch im Jugendbereich! – zu enormen Leistungssteigerungen fähig sind, zeige ihm ein aktuelles Beispiel eines 63-Jährigen, der sich durch intensives Training und darauf abgestimmter Turniere in etwas über einem Jahr um 250 DWZ-Punkte verbessert habe.
Gruppenarbeiten zu den Themen „Ferntraining“, „Optimierung der Talentstützpunkte“, „Hochburgen“ und „Jahrestrainingsplan“ schlossen sich an.
Ferntraining:
Lehrgänge sind der Kern der GKL-Förderung. Hierzu kommen Spieler zentral zusammen, denen vom Landestrainer und weiteren Trainern verschiedene Teilbereiche des Spiels vermittelt werden. Stützpunkttraining, E-Mailtraining und Erstellung eines Jahrestrainingsplans wurden zudem als unverzichtbar herausgestellt.
Ferntraining hält in verschiedenen Variationen Einzug in das Trainingsprogramm von Spielern – als Online-Training, in Form von E-Mail-Lehrbriefen, als Datenbanken. Hiervon können alle Spieler profitieren. Wesentlich ist diese Form des Trainings für Spieler, die in Regionen ohne Anbindung an Hochburgen, ohne qualifizierte Trainer, wohnen.
Beim Online-Training werden meist netmeeting von WindowsXP (Hersteller: Microsoft Inc.) oder ICC genutzt, mit SKYPE (geschützter Markenname) für eine bessere Sprachübertragung zwischen Trainer und Athlet.
E-Mail-Lehrbriefe bestehen zumeist aus einer Sammlung von Aufgaben zu verschiedenen, speziellen Themen. In dieser Art werden die Landeskaderathleten zusätzlich monatlich vom Landestrainer betreut. Nach einer Bearbeitungsfrist bekommen die Schüler Musterlösungen zugesandt.
Datenbanken gibt es zu verschiedenen Themen auf CD oder sie werden (kostenpflichtig) online zur Verfügung gestellt. Ein Beispiel zeigt die Homepage des Landestrainers unter www.onlineschachtraining.de.
Die Gruppenarbeit als Zusammenfassung
Optimierung der Talentstützpunkte:
„Was kann verbessert werden?“, der Kernsatz der Gruppe zum optimalen Talentstützpunkt.
Die Schachorganisation müsse Eltern potentieller Kaderspielern bereits frühzeitig besser beraten, über die Möglichkeiten, die die Schachwelt (auch im Bereich des Leistungssports) biete. Nicht immer sind ja die Eltern begeisterter Anfänger Vereinsspieler und in der Szene verwurzelt. Dies könne zum Beispiel über Flyer oder auch in Gesprächen erfolgen.
Die Trainingsinhalte der Stützpunkt-Maßnahmen sollten mehr mit dem Landestrainer abgestimmt sein; ein Soll, das auch die GKL fordert. Das Trainingsniveau müsse an den Besten ausgerichtet sein, den D-Kader-Kandidaten. Hierzu sollten im Bedarfsfall die Gruppen verkleinert werden. Empfehlenswert wäre auch die Erstellung von regelmäßigen „Hausaufgaben“. Die Gruppe schlägt zudem eine Qualitätssicherung vor, die Stützpunkt und GKL vereinbaren sollten.
Die Gruppenarbeit als Zusammenfassung
Hochburgen:
In Baden-Württemberg gibt es zurzeit zwölf Talentstützpunkte, nach objektiver Einschätzung sind nicht alle darunter Hochburgen.
Zunächst wurde erarbeitet, was eine Hochburg ausmache. So gelten die Kriterien des Landessportverbandes uneingeschränkt auch für Schachhochburgen, z.B. müsse ein leistungsstarker Verein ansässig sein, Schach müsse erfolgreich sein, in der Öffentlichkeit präsent und verankert. Darüber hinaus sollten aber z.B. auch gute Kontakte zu Schulen und Jugendorganisationen herrschen und eine starke ehrenamtliche, aber auch teilweise eine hauptamtliche Struktur bestehen. Hilfreich sei u.a. ein guter Draht zu den Nachbarvereinen. So sollten an allen Standorten, an denen es Bundesligavereine gibt, Hochburgen existieren, die auch im Jugendbereich aktiv sind.
Hochburgen seien für den Schachsport insgesamt förderlich, aber auch gerade für den Jugendbereich, für ausgesprochene Talente, aber auch für die Breite nützlich. Schach kann besser dargestellt werden, ist präsenter, der gesellschaftliche Stellenwert wächst.
In Baden-Württemberg sei eine Anzahl von acht bis zehn Hochburgen, bei Anfangsförderung durch die Leistungssportorganisation, vorstellbar. Uneingeschränkt gelte der Hochburgenstatus für Baden-Baden und Eppingen, beides Städte mit Bundesligavereinen, darüber hinaus könnten weitere Orte / Regionen als Hochburgen bezeichnet werden, jedoch mit dem Abstrich, dass entweder kein Bundesligaverein in der Region ansässig sei, oder das Zusammenwirken der Vereine in der Region nicht richtig funktioniere.
Die Gruppenarbeit als Zusammenfassung
Jahrestrainingsplan:
24 der 42 letztjährigen Landeskaderspieler haben zusammen mit dem Landestrainer sowie den Eltern und/oder dem Heimtrainer einen Jahrestrainingsplan erstellt. Die meisten Spieler haben mehrere Trainer, deren Trainingseinheiten aufeinander abgestimmt werden sollten. Der Heimtrainer sollte einen Überblick haben, wie der Jahresplan aufgebaut wird. Hinzu kommt die optimale Abstimmung auf bis zu zwei sportliche Jahreshöhepunkte.
Mit einer einfachen und einleuchtenden Näherungsformel, so Jörg Hanisch, könne errechnet werden, aus welchem Trainings- und Spielaufwand welche DWZ-Steigerung erwartet werden könne.
1 DWZ-Punkt plus = 1 Std. Training + 1 Std. Spielzeit
So würde ein Spieler bei 50 Partien à 3 Stunden und einem Jahrestrainingsaufwand von 150 Stunden, entsprechend 3 Stunden pro Woche, einen DWZ-Anstieg von 150 Punkten erzielen sollen. Machbar!
Die Gruppenarbeit als Zusammenfassung
Das Feedback der Teilnehmer rundete das Seminar ab. Wenn bei einem Seminar zum Schluss verlautet, dass „auch alte Hasen viel Neues mitgenommen“ hätten, alle Teilnehmer sich positiv äußern, so war ein Seminar sehr gut gelungen. Besonders gut empfanden die Teilnehmer die Zusammensetzung der Teilnehmer, „Bundes- und Landestrainer, die Präsidenten der Schachverbände, die Leistungssportreferenten, verschiedenste andere Funktionäre, Schachtrainer und Eltern von Kaderspielern“, die Organisation des Seminars und die Themenauswahl der „erstklassigen Referenten“. Kritik sei eingefordert worden, alle Umstände konnten offen angesprochen und diskutiert werden. „Inhaltlich wurde viel erarbeitet“, die Umsetzung folgt in den nächsten Wochen und Monaten.